Als ich gestern abend im Bus heimgefahren bin, setzte sich - zwei Haltestellen nach dem ich eingestiegen bin - ein junger, für schwedische Verhältnisse schlanker, Mann auf den Platz vor mir. Er vergrub das Gesicht in seinen Händen wie in äußerster Verzweiflung, und ich begann schon fast, ihn zu bemitleiden, als er plötzlich mit der Faust gegen die Rückenlehne des Sitzes vor ihm hieb. Ich hielt es für klüger, sein Verhalten nicht zu kommentieren, und war statt dessen froh, dass ich hinter ihm und nicht vor ihm saß. Er hielt sich das Handgelenk mit der anderen Hand - offensichtlich war dieser Schlag etwas zu fest geführt worden, bedeckte wieder sein Gesicht mit den Händen, als müßte er gleich weinen, und führte wieder ganz unerwartet einen - diesmal linken - Haken gegen die Lehne des Sitzes vor ihm. Die Sitzlehne war davon so überrascht, dass sie weiter keinen Widerstand leistete. Als nächstes lehnte er sich seitlich zurück, so dass er fast auf beiden nebeneinanderliegenden Sitzen lag, und versetzte nun dem Sitz in der gegenüberliegenden Sitzreihe einen wohlgezielten Tritt. Als er daraufhin wieder traurig in sich zusammensank, rechnete ich mir blitzschnell aus, dass er, wenn er sich auf diese Weise im Uhrzeigersinn weiter bewegen würde, bald bei mir angelangt sein würde, und unauffällig, um nur ja seine Aufmerksamkeit nicht zu erregen, verzog ich mich auf einen ausserhalb seiner Reichweite gelegenen Platz. Hätte ich jetzt ein Mobiltelefon zur Hand, dann hätte ich jetzt im Irrenhaus in Björnkulla angerufen. So aber blieb mir nichts anderes übrig als den kleinen Don Quichote zu beobachten, der tapfer nicht gegen Windmühlenflügel aber immerhin gegen Bussitze kämpft. Zum Glück stieg er schon vorher aus als ich.

Eigentlich ist so ein Verhalten ja ganz und gar unschwedisch.

9. Mai 2000

Vaxholm

Letztes Mal wurde an dieser Stelle eine erschöpfende Beschreibung der 30 000-Seelen-Gemeinde Tumba gegeben. Heute werden wir uns einem ganz anderen Vorort Stockholms widmen, nämlich Vaxholm oder Waxholm (es ist eine Besonderheit im ansonsten Regel-freudigen Schweden, dass es oft nicht ganz klar ist, welche Wörter man mit W und welche man mit V schreibt). Das soll nicht bedeuten, dass sich das schweidsche Tagebuch von nun an auf eine Rundreise durch sämtliche Aussenbezirke begeben würde, aber ich habe nach meinem letzten Eintrag ein wenig ein schlechtes Gewissen, und möchte nun an den Vaxholmern wieder gut machen, was ich den Tumbanern angetan habe.

Der Unterschied ist krass. Es fängt schon damit an, wie man hinkommt. Nach Tumba kommt man eigentlich nur, wenn man im Pendeltåg einschläft. Nach Vaxholm muss man schon ausdrücklich wollen.

Um ehrlich zu sein, werde ich jetzt ein wenig schummeln. Dieser Eintrag ist nämlich eigentlich von letzter Woche. Aber weil es damals genauso ein schönes Wetter war, wie heute, werd ich jetzt einfach mal so tun, als hätte ich das alles heute erlebt.

Für einen richtigen Schweden beginnt ein Vaxhom-Tag auf dem Nybro-Kai, auf dem er ein Schiff des Waxholmbolag besteigt. Vaxholm ist eine Insel, ungefähr zehn Kilometer vor Stockholm gelegen, und damit geografisch das Bindeglied zwischen Stockholm und dem Insellabyrinth des Schärengartens. Weil alle Schiffe, die auf die Schären fahren, an Vaxholm vorbei müssen, ist der Schiffsverkehr auf dieser Strecke ziemlich dicht, und man hat die Auswahl zwischen den etwas schnelleren, modernen, stromlinienförmigen, weissen, Kunststoff-beschichteten Flitzern und den schönen, alten, kastenförmigen Ångbåtar (Dampfbooten) aus Holz, die so wunderbar nach tranigem Dieselkraftstoff riechen. Wer nicht auf Vaxholm einen dringenden Termin hat, und ich glaube nicht, dass überhaupt ein Mensch je auf Vaxholm einen Termin gehabt haben wird, der wird natürlich mit dem Ångbåt fahren. Wer noch mehr Zeit hat, der kann sogar auf eine noch weiter außerhalb gelegene Insel fahren, aber davon ein andermal.

Auch mit dem langsamen Ångbåt geht die Fahrt irgendwann einmal zu Ende, und die Frage ist, was macht man dann? Die Antwort: Gar nix - und das ist das Schöne an Vaxholm, man kann dort überhaupt nix machen. Man kann nicht einmal irgendwas beobachten, was man dann in sein Tagebuch schreiben könnte.Man kann die Burg auf der Nachbarinsel betrachten, von der aus früher die Piratenschiffe beschossen wurde, die zwischen diesen beiden Inseln durchmussten, wenn sie nach Stockholm wollten, man kann zwischen den ewig frisch gestrichenen Inselvillen durchlaufen, mit ihren Inselblumengärten, man kann in der viel zu teuren Inseleisdiele ein immerhin hausgemachtes Eis essen, oder sich an den zehn Meter langen und drei Meter breiten Inselsandstrand legen. Man kann zum Inselcafe gehen, und ein handgeschriebenes Pappschild lesen, dass das Cafe erst im Juni aufmacht. Man kann sich in Vaxholm sogar verlaufen, weil sich der Hafen für die kleineren Privatboote so tief in die Insel hineinverzweigt, dass man keineswegs immer direkt dahingehen kann, wo man hin will. Kurz, man kann sich herrlich langweilen und man merkt es nicht einmal.

Irgendwann ist auch der schönste Vaxholmtag vorbei, und man sollte sich wieder in Richtung Nybrokai einschiffen. Wer aber in Stockholm einen dringenden Termin hat, oder in die Disco will, oder wem vom Bootfahren schlecht wird, oder wer etwas anderes sehen will, der kann auch mit dem Bus fahren. Immer an der Küste entlang. Über eine Brücke auf die nächste Insel und so weiter. Und alles immer entlang wunderschöner Schilfstrände.